Archiv

Archive for the ‘Lebensmittelchemie’ Category

Splitter: Bundeswehr und Medikamente, xkcd, renovated butter, Anhörung im Sheri Sangji-Fall, ChemDraw

Links, bemerkenswerte Dinge und tragische Fakten aus der weiten Welt des Internets:

  • Medikamentenherstellung durch die Bundeswehr: Immer wieder lernt man neues! Durch den Jahresbericht des Bundesrechnungshof (pdf) wurde bekannt, dass die Bundeswehr selbst Medikamenten und Kosmetika wie auch Sonnencreme herstellt (SPON, Focus, manager magazin). Die Praxis geht dabei auf die 1980er Jahre zurück, als es die Bundeswehr auf Grund der Bedrohungslage des Kalten Krieges als notwendig erachtete, „jederzeit eigene Medikamente herstellen zu können“ und so die Versorgung der Soldaten im Kriegsfall sicherzustellen. Viel bemerkenswerter aber ist dieser Absatz:

    Das Bundesverteidigungsministerium verweist allerdings auf die Gefahr von Arzneimittelengpässen in Deutsch-land. Vier von fünf arzneilichen Wirkstoffen kämen aus China oder Indien, fast alle der in Deutschland verbrauch-ten Antibiotikawirkstoffe würden in Ostasien produziert. Die industrielle Herstellung pharmazeutischer Produkte in Bundeswehrapotheken sei somit Teil der Risikovor-sorge der Bundeswehr, um die Soldatinnen und Soldaten mit Sanitätsmaterial zu versorgen.

    Somit scheinen wir also auch in gesundheitlicher Hinsicht abhängig von China…

  • Wissenschaft trifft Humor: Slate meint zu zu den genialischen xkcd-Comics:

    If you’re not reading the brilliant web comic xkcd, then a) what’s wrong with you? and 2) seriously, go read it. Written by Randall Munroe, it’s arguably the geekiest and most scientifically literate comic on the ’net. The simple stick figures and drawings he uses belie a fiercely intellectual comic that will poke at your brain.

    Besser kann man wohl den Nagel nicht auf den Kopf treffen.

  • Erneuerte Butter: Sollte die Butter trotz oder wegen eines Hurricans doch einmal ranzig werden, so hat „The Culture of Chemistry“ die Lösung parat: „renovated butter“!

    If you can obtain some rancid or spoiIed butter melt some of it in a small pan and pump air through it, using a bicycle pump until there is no Ionger any odor noticeable. Now mix some sweet milk or cream with the butter and pour the whole mass into a screw top jar and shake violently until the butter becomes solid. Pour off the cream and notice that the solid part which remains is the same as fresh butter. This is renovated or process butter.

    Klingt interessant und riecht bestimmt auch so.

  • Sheri Sangji-Fall vor Gericht: Vor knapp zwei Wochen hat die Voranhörung im Sheri Sangji-Fall begonnen. Es geht dabei um den tragischen Unfall der jungen Studentin in einem Chemielabor Ende des Jahres 2009, als sie mit t-Butyllithium hantierte, und ihren anschließenden Tod im Krankenhaus zwei Wochen später (Zusammenfassung und Rekonstruktion).  Auf der Anklagebank sitzt UCLA-Chemieprofessor Patrick Harran als verantwortlichem Laborleiter wegen des Verstoßes gegen Arbeitsschutzgesetze. c&en dokumentiert die bisherigen Anhörungstage (Tag 1, Tag 2, Tag 3). Chemjobber schreibt außerdem regelmäßig über alle Neuigkeiten und Entwicklungen. Uns erinnert der Fall wieder daran, dass Arbeiten im Labor immer mit einem gewissen Risiko verbunden sind und wir nie leichtfertig mit den Sicherheitsvorschriften umgehen sollten. Ihr Tod mahnt gerade verantwortliche Personen dieser Verantwortung auch gerecht zu werden, so dass anderen unerfahrenen Labormitarbeitern ein solches Schicksal erspart bleibt.
  • Revolution durch ChemDraw: Derek Lowe und Kommentatoren erinneren an die Zeiten, bevor es ChemDraw etc. gab, wie mühsam die Erstellung von chemischen Strukturformeln war und welch einer Revolution eine Software wie ChemDraw gleichkam. Insgesamt ist durch moderne Computertools jedoch der Perfektionsdrang gestiegen, aber umgekehrt ersetzt die Maschine auch das Nachdenken: Zwei Versionen sind heute schneller gedruckt als früher eine Grafik von Hand gezeichnet wurde.
    Interessant ist aber auch der Link, den Derek angibt, was Quantenchemie und Computerchemie angeht.
Advertisements

Die Welt ist magenta! – R.P.57:1

Eigentlich ein recht unscheinbarer Artikel in der Angewandten Chemie:  „Kristallstrukturen  der Hydratstrukturen von Pigment Red 57:1“.

Red Pigment 57:1

Doch Pigment Red 57:1 (R.P.57:1) stellt das wichtigste organische Rotpigment dar, die Jahresproduktion beträgt beachtliche 50 000 Tonnen weltweit und der damit verbundene Jahresumsatz 200 Mio. €. So kommt dieses Azopigment für den Farbton Magenta beim Vierfarbdruck zum Einsatz, zum Beispiel zum Druck einiger exemplarischer Tageszeitungen wie The New York Times, The Sun, Bild, El País, La Repubblica, Le Monde oder Shanghai Daily oder auch Fachjournale wie die Angewandte Chemie selbst, was die Wissenschaftler alles selbst per Analyse herausgefunden haben.

Auch Wikipedia (deutsch, englisch) kennt R.P.57:1 (unter dem Namen Litholrubin BK) und er ist auch als Lebensmittelzusatzstoff E 180 zugelassen für auch essbare Käserinde (Sind Azopigmente im Essen wirklich eine gute Idee?).

Zur Erklärung der Abbildung, in der die Azogruppe (-N=N-) fehlt, bemerken die Autoren:

Alle kommerziellen „Azopigmente“ enthalten im Festkörper keine Azo-Gruppe, sondern liegen als Hydrazon-Tautomere vor. Man muss also richtigerweise von „Hydrazonpigmenten“ statt von „Azopigmenten“ sprechen.

Und gerade in Druckfarben wird das Pigment nicht gelöst, sondern lediglich dispergiert und somit bleiben die Festkörpereigenschaften erhalten. Übrigens: Allein die Bezeichnung „Pigment“ im Gegensatz zu „Farbstoff“ bedeutet „unlöslich im Anwendungsmedium“ (Wikipedia).

Die genaue Farbe des Pigments hängt dabei von der Menge des Kristallwassers ab, die Autoren konnten Kristallstrukturen für drei Phasen bestimmen:

  • n = 3 : rot
  • n = 1 : magenta
  • n = 0: trüb-dunkel magenta

Erstere und zweitere Strukturen sind hinreichend lang kinetisch stabil, das Monohydrat wandelt sich allerdings bei einer Luftfeuchtigkeit von 90 % innerhalb nur einer Woche zu Trihydrat um. Kommentar der Autoren:

Der Phasenwechsel zwischen dem carminroten Trihydrat und dem für den Vierfarbdruck verwendeten magentafarbenen Monohydrat kann auch auf gedruckten Zeitungen und Zeitschriften stattfinden; das gedruckte Rot kann somit je nach Witterungsbedingungen und Luftfeuchtigkeit einen unterschiedlichen Farbton haben.

Womit wieder gezeigt wäre: Chemie ist überall und alles hat einen Einfluss auf alles!

[1] S. L. Bekö, S. M. Hammer, M. U. Schmidt, Angew. Chem. 2012, 124, 4814-4818.

Aus gegebenem Anlass: 4-Methylimidazol

Noch ein kleiner Nachtrag zu „Ist Cola giftig?“.

4-Methylimidazol

Auch bei dem Eintrag in diesem Blog und genauso bei allen Presseberichten fehlte die Angabe einer Strukturformel. Okay, der Laie hat davon genauso wenig wie von dem Namen. 4-Methylimidazol ist zwar ein schön systematischer Name, wenn man das Hantzsch-Widmann-System beherrscht (Aber warum heißt das eigentlich Imid?), doch Hilfe ist nur einen Klick entfernt, bei Wikipedia. Und jetzt auch hier auf der rechten Seite. Der Eintrag in der englischen Wikipedia ist besonders aktuell, die aktuelle Entwicklung wird hier bereits wiedergegeben. Auch ist der Seite der Grenzwertzu entnehmen, der in der EU für Zuckerkulör gilt: 250 mg/kg.

Doch in diesem Blog soll es um mehr gehen als nur Wikipedia-Wissen. In einem recht aktuellen Paper[1] ist ein Reaktionsschema für die Entstehung von 4-MEI aus Methylglyoxal beschrieben, das nach Meinung der Autoren ein Pyrolyseprodukt der Glucose ist und ein wichtiger Precursor für 4-MEI. Nebenbei analysieren die Autoren gängige, auf dem Markt erhältliche Cola-Sorten („bought from a local market“ in CA) mit Flüssigchromatographie und Massenspektrometrie (die üblichen Verdächtigen bei solchen Analysen), wobei sie keine Marken nennen (für die Wissenschaft verzichtbar). Die ermittelte Konzentration an 4-MEI ist bei allen fünf Proben zwischen 0,30 und 0,36 µg/mL angesiedelt und der Gehalt liegt somit zwischen 177,30 und 212,76 µg pro Flasche (pro 20 US fl.oz. = 591 mL). Die Autoren bemerken auch, dass diese Menge gering ist im Vergleich zu den bei Tierversuchen sich als schädlich erweisenden Dosen:

Therefore, the amounts ingested from these beverages may not be significant.

Allerdings wollen sie in ihrer Studie keine Aussage über die Krebsgefahr machen.

[1] J.-K. Moon, T. Shibamoto, J. Agric. Food Chem. 2011, 59, 615.

Kategorien:Aktuell, Lebensmittelchemie, Organik Schlagwörter:

Ist Cola giftig?

Gestern kam die Meldung auf SPIEGEL ONLINE: Krebsgesetz zwingt Cola-Konzerne zu Rezeptwechsel. Und das klingt wieder dramatischer als es ist.

Die Geschichte hinter der Meldung ist schnell erklärt: Der Staat Kalifornien hat 4-Methylimidazol (4-MEI) auf eine Liste mit krebserregenden Substanzen gesetzt, das als Nebenprodukt im in Cola enthaltenen Zuckerkulör (E 150d, engl. caramel color IV) in geringen Mengen vorkommt. Um eine entsprechende Kennzeichnung („krebserregend“) zu vermeiden, ändern die Konzerne das „Rezept“, es wird ab sofort Zuckerkulör mit weniger 4-Methylimidazol verwendet.

Jetzt die chemische Seite: Je nach der bei der Herstellung verwendeten Zusätzen werden vier Sorten Zuckerkulör unterschieden, basisches, sulfit-basisches, ammoniakalisches und Ammonium-Sulfit-Zuckerkulör, klassifiziert als Zusatzstoffe E 150a-d. Die braune Farbe resultiert dabei aus der sogenannten Maillard-Reaktion, eine Reaktion, die genauso für das Bräunen von Brot, Kuchen oder Braten verantwortlich ist und vor ein paar Jahren durch die Bildung von Acrylamid z.B. bei der Herstellung von Pommes frites bereits in den Schlagzeilen war.

Chemisch gesehen ist das Erhitzen von Lebensmitteln eine ziemliche Schweinerei. Hunderte Inhaltsstoffe reagieren bei der Hitze miteinander oder mit dem Luftsauerstoff, sie zersetzen sich oder schmelzen. Das Ergebnis ist eine weitere Vielzahl an Verbindungen. Es gilt als unbestreitbar, dass die Kunst des Kochens die Entwicklung des immensen Gehirnvolumens des Menschen durch die besser verwertbaren Nährstoffen erst möglich gemacht hat, wir uns aber damit durch die vielen auftretenden, teils giftigen Reaktionsprodukte (wie 4-MEI) unsere eigenen Grube graben. Und selbst rohe Produkte können durch oxidativen Stress zu Schäden am Erbgut führen. Anders ausgedrückt: Der Tod durch von der Ernährung ausgelöstem Krebs kann nur durch den Verzicht auf Nahrungskonsum absolut ausgeschlossen werden, was zum Hungertod nach wenigen Tagen oder Wochen führt und somit das langfristige Problem abschließend löst.

Zurück zur Meldung: Muss man beim Konsum von Cola somit Angst um seine Gesundheit haben? E150d gilt zwar aus den genannten Gründen schon lange als bedenklich – das enthaltene 4-MEI löst bei Nagetieren bei hoher Dosierung nachweislich Krämpfe aus und führt sogar zu Lungenkrebs -, von häufigem Verzehr wird abgeraten. Aber auch in Europa, wo sich nichts ändert, gibt es Grenzwerte für 4-MEI, deren Einhaltung überwacht wird. Und Cola ist somit auch nicht giftiger (vom Zucker einmal abgesehen) als ein knuspriger Braten oder ein gutes Steak, vor allem wenn es stark durchgebraten ist.

Hier noch der Link auf die gleiche Meldung beim Discovery Channel.

[11.03.12, 23:00 Artikel redigiert]

In diesem Blog: Aus gegebenem Anlass – 4-Methylimidazol.

Kategorien:Aktuell, Lebensmittelchemie Schlagwörter: ,

Zucker, Süßstoffe und ihre Wahrnehmung!

Es hat etwas gedauert, jetzt ist „ChemieUnser“ zurück, mit einem Ausflug in unsere Sinneswelt!

Dazu schreibt Nature so schön[1]:

Our sensory systems are responsible for generating an internal representation of the outside world, including its chemical (taste and olfaction) and physical (mechanical, sound, vision and temperature) features.

Hier soll es um den „Geschmack“ gehen! Wissenschaftlich anerkannt ist, dass wir Menschen in der Lage sind, zwischen fünf grundsätzlichen Geschmacksrichtungen zu unterscheiden: süß, sauer, salzig, bitter und umami (oft auch als herzhaft oder würzig beschrieben), wobei es auch Hinweise auf weitere gibt. Wir wollen uns hier auf den „süßen“ Geschmack beschränken.

Obwohl es eine Vielzahl an süßen Stoffen gibt, angefangen bei den gängigen C6-Zuckern über manche Aminosäuren (Bausteine der Proteine) zu kompletten Proteinen, sekundären Pflanzenmetaboliten und auch synthetischen Chemikalien wie z.B. Sucralose, Saccharin und Cyclamat, ist für deren Wahrnehmung lediglich ein einziger Rezeptor, bestehend aus zwei Untereinheiten verantwortlich (T1R2-T1R3).[2] An dieser Stelle muss man auch festhalten, dass chemische Reize wie beim Schmecken und Riechen keinesfalls auf physikalisch-chemischen Eigenschaften beruhen, wie Nature bemerkt[1]:

The sweetness of sugar and the pleasure it evokes are so familiar to us
that they almost seem to be physical properties of sucrose rather than
a representation of neuronal firing in the brain.

Im Gegensatz zu Licht oder Schall, die wir mit den Augen bzw. Ohren, aber auch mit Messgeräten nachweisen können, ist Geschmack und Geruch lediglich eine Zuschreibung unseres Gehirns. Tatsächlich kann  man extern auf Süßkraft testen, allerdings nur durch Züchtung von menschlichen (u.a.) Geschmacksrezeptoren im Reagenzglas.[2] Bei Katzen (von der Hauskatze bis zum Tiger) ist durch eine Mutation eine der Untereinheiten defekt, was zur Folge hat, dass sie nicht auf süße Nahrung ansprechen.[1]

Die entscheidende Frage aber bleibt: Wie kann ein Rezeptor mit so vielen unterschiedlichen Stoffen reagieren? Und warum besitzen verschiedene Stoffe so stark unterschiedliche Süßkraft? Beispielsweise ist Sucralose, bekannt auch als E955,  500-mal süßer als Zucker. Die erste Frage kann dadurch beantwortet werden, dass unterschiedliche Moleküle an verschiedenen Stellen des Rezeptors binden. Die zweite Frage ist komplex und noch nicht endgültig beantwortet: Die Bindungsstärke ist definitiv ein Hauptkriterium, aber es gibt auch Hemmungs- bzw. Synergieeffekte durch Bindung mehrerer Moleküle.[2]

Das Thema „Süßstoffe“ verdient nochmals gesonderte Aufmerksamkeit. Diese Stoffe, gekennzeichnet durch süßen Geschmack und keinen oder im Vergleich zur Süßkraft geringen Nährwert, werden heutzutage immer häufiger als Zusatzstoffe unserem Essen beigefügt. Nach Meinung der Verbraucherzentrale ist allerdings für keinen der als E950 bis E968 zugelassenen Stoffe die Unbedenklichkeit schlussendlich bewiesen und vom ständigen Verzehr wird abgeraten.[3] Außerdem muss beachtet werden, dass solche Stoffe auch andere Geschmacks- (z.B. Bitter)rezeptoren ansprechen können, was die Süßstoffe im Vergleich zu Zucker anders schmecken lässt.

Ein weiterer Punkt in der Forschung sind „Super-Geschmacksverstärker“.[4] Solche Stoffe sollen – ohne selbst z.B. als Süßstoff zu wirken – den süßen Geschmack vorhandener Inhaltsstoffe/Zusatzstoffe verstärken oder negative Komponenten wie Bittergeschmack ausblenden. Dieser Gedanke klingt verlockend: Gleicher Geschmack, weniger Kalorien. Wir essen, wie es uns schmeckt, allerdings gesünder. Anstatt unsere Ernähungsgewohnheiten zu ändern, zielen wir auf die Geschmackswahrnehmung ab. Ein weiteres Beispiel ist die weitergehende Nutzbarmachung der Sojapflanze durch Ausblenden ihres Nachgeschmacks. Ein Milliardenmarkt könnte entstehen für Firmen wie Senomyx und Redpoint Bio! Allerdings muss der Zusatz weiterer Stoffe zum Essen wegen möglicher gesundheitlicher Gefahren kritisch gesehen werden und auch die generelle, dann fortschreitende Entfremdung des Geschmacks vom Inhalt des Essens, was die Funktion der Sinne zur Wahrnehmung unserer Welt weiter untergraben, ja ad absurdum führen würde. Nicht zu vergessen die Wirkung des Geschmacks auf diverse vegetative Funktionen wie Sättigung und Insulinproduktion (Inkretin-Effekt), was teils noch nicht mal verstanden ist. Die Industrialsierung der Nahrungsmittelproduktion ist nicht immer gut, nur weil sie möglich ist.

[1] J. Chandrashekar et al.Nature, 2006, 444, 288.

[2] M. Behrens et al., Angew. Chem. Int. Ed. 2011, 50, 2220.

[3] Anonymus, Was bedeuten die E-Nummern?, Verbraucherzentrale Hamburg e.V., 66. Aufl. 2011.

[4] M. Wenner, Spektrum der Wissenschaft, Oktober 2008, Seite 58.

Als Nachtrag hier noch der Link zu einem kurzen Artikel des Discover Magazines aus dem Jahr 2005 zum Thema: The Chemistry of . . . Artificial Sweeteners.

Zucker tötet! – Die Wahrheit über Zucker

Die heutige Ausgabe von Nature (mit einem Impact Factor von 36,101 (2010) vor Science (31,36) das angesehenste naturwissenschaftliche Journal weltweit) bringt einen Artikel mit dem Titel „The toxic truth about sugar/Die giftige Wahrheit über Zucker“ (R.H. Lustig, L.A. Schmidt, C.D. Brindis Nature, 2012, 482, 27).

Fructose

Darin argumentieren die Autoren gegen „künstlich zugesetzten Zucker“ („added sugars„), womit alle  Süßmittel gemeint sind, die Fructose (vulgo Fruchtzucker) enthalten. Modern geworden als süßschmeckender Zusatzstoff in unseren „kostengünstigen, stark industriell verarbeiteten Lebensmitteln“, sei es als Glucosesirup (besonders HFCS = high-fructose corn syrup), wie es in Amerika üblich ist, oder als Saccharose (auch Sucrose), dem normal geläufigen „Zucker“, hergestellt aus Zuckerrüben oder Zuckerrohr, in Europa überwiegend genutzt, der aus Glucose und Fructose besteht.

Saccharose

Diese zugesetzten „leeren Kalorien“ („empty calories„) sind in Wahrheit höchst gefährlich, auf eine Stufe zu stellen mit Alkohol und Tabak, die beide staatlich reguliert sind, was die Autoren in Form von Steuern nach dänischem Modell oder Zugangsbeschränkungen  auch für Fructose-Süßstoffe fordern. Denn Fructose ist geradezu toxisch, wie die Autoren feststellen, verantwortlich für alle Krankheitsbilder, die unter dem metabolischem Syndrom zusammengefasst werden: Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Herzinfarkten, nicht-alkoholische Fettleber. Krankheiten, die über Arbeitsausfall und ihre Behandlungskosten allein die Vereinigten Staaten jährlich über $200 Milliarden kosten.

Zusätzlich wirkt Zucker ähnlich wie eine Droge auf das Belohnungssystem im Gehirn, was zu vermehrtem Konsum führt. Und wie bei Drogen gilt auch:

A little is not a problem, but a lot kills – slowly.

Damit sollen nicht alle Süßigkeiten verteufelt werden, aber man sollte sich Gedanken über deren dauerhafte Einnahme und Wirkung auf den Körper machen.

After all, sugar ist natural. Sugar is nutrient. Sugar is pleasure. So too is alcohol, but in both cases, too much of a good thing is toxic.

Und wir als Verbraucher, als Bürger, aber auch die staatlichen Stellen sind aufgefordert, sich der Industrie in den Weg zu stellen, um weitere ‚vermeidbare Todesfälle‘ zu verhindern.

Ultimately, food producers and distributors must reduce the amount of sugar added to foods. But sugar is cheap, sugar tastes good and sugar sells, so companies have little incentive to change.

Kategorien:Aktuell, Lebensmittelchemie Schlagwörter: ,

Dammbruch bei der DGE – Neues von der Vitaminfront

Von der Industrie werden wir beständig indoktriniert, wie wichtig Vitamine sind, wie viel besser wir uns fühlen können, wenn wir ihre Vitaminpräparate nehmen, und dass es eigentlich nur gut tun kann. Von Verbraucherschützern und Ärtzten wird schon lange die präventive Gabe von allerlei Vitaminen und Mineralstoffen als völlig unsinnig und übertrieben bezeichnet.

Chemisch gesehen sind natürliche Vitamine und Vitamine aus industrieller Herstellung absolut identisch. Allerdings sind in Früchten etc. noch Sekundärstoffe enthalten, die die Aufnahme der Vitamine erleichtern oder erst ermöglichen. Die Vitamine aus der Tablette können somit also teilweise nur unzureichend aufgenommen werden. In neueren Studien ist auch gezeigt worden, dass die Gabe von Vitaminen nicht nur keinen Schutz vor Krankheiten wie Krebs bietet, sondern sogar zu höheren Krebsraten führt (SZ-Artikel (Zusammenfassung der Ergebnisse), Studien im Einzelnen: Archives of Internal MedicineJournal of the American Medical Association). Das Thema ist – anders als es von der Industrie dargestellt wird – durchaus nicht harmlos.

Die „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“ (DGE) hat daher bei gesunder Ernährung den Verzehr solcher Präparate als nicht notwendig und die Versorgung über die Nahrung als ausreichend bezeichnet. Eine Ausnahme scheint jetzt Vitamin D zu sein, das vor allerlei Krankheiten schützen soll. Die tägliche Aufnahmeempfehlung dieses sogenannten „Sonnnenschein“-Vitamins (weil es auch durch UV-B-Strahlung in der Haut gebildet werden kann, hier im Blog) wurde soeben von der DGE beträchtlich nach oben korrigiert und gleichzeitig im Winter – wegen der geringen UV-B-Einstrahlung in unseren Breitengraden – eine Einnahme von Vitamin-D-Präparaten für Senioren, Menschen mit dunklerer Hautfarbe und „Stubenhockern“ empfohlen [Pressetext der DGE]. Ein Novum für die DGE!

In der Fachwelt wird diese Einnahmeempfehlung durchaus kritisch gesehen, die „Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie“ (auch DGE!) betont in ihrer Darstellung, dass lediglich bestimmte Personengruppen wie Säuglinge, Nierenkranke und Menschen mit Knochenerweichung zu künstlichen Präparaten greifen sollten. Die Wirkung von Vitamin D gegen Krebs bleibt weiter unbewiesen, wie Studien gezeigt haben (Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism), die auf Grund ihrer kurzen Laufzeit aber auch keinen Beweis oder Gegenbeweis darstellen. Die Erhöhung der Ernährungsempfehlung ist allerdings weitgehend unstrittig.

Insgesamt bleibt: Gesunde Ernährung und ausreichend Zeit an der Sonne, dann muss man  sich über all dies keine Gedanken machen! Natürlich kommt Vitamin D in großen Mengen vor allem in Fettfischen wie Hering und Makrele vor und auch in Lebertran, der ja aus Fischen gewonnen wird. Praktischerweise gibt die DGE (Ernährung!) auch noch Hinweise bezüglich der Dauer des Sonnenbads (vgl. Link oben):

Die körpereigene Vitamin D-Bildung in der Haut ist abhängig von Breitengrad, Jahres- und Tageszeit, Witterung, Kleidung, Aufenthaltsdauer im Freien sowie dem Hauttyp. Um 10 µg Vitamin D zu bilden, muss sich ein Mensch mit dem Hauttyp III (mittelhelle Haut, braunes Haar, helle bis dunkle Augen, bräunt langsam und bekommt nur manchmal einen Sonnenbrand) von April bis Oktober auf dem 42. Breitengrad (z. B. Barcelona) zur Mittagszeit mit zu einem Viertel unbedeckter Haut schätzungsweise 3 bis 8 Minuten in der Sonne aufhalten. In Deutschland reicht die Stärke der Sonnenbestrahlung nur ca. 6 Monate im Jahr aus, um eine ausreichende Vitamin D-Bildung zu gewährleisten.

Kategorien:Aktuell, Lebensmittelchemie Schlagwörter: ,
%d Bloggern gefällt das: