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Chemie und die Zukunft #2: Steaks oder Sprit?

Seit Jahrtausenden betreibt die Menschheit Ackerbau. Um die Feldfrüchte selbst zu essen (oder in die Vorratskammer zu tragen), an Nutzvieh zu verfüttern oder – neuerdings zu Treibstoff zu verarbeiten.

Biosprit ist in Mode, auch wenn weltweit wohl nur 2 % der Anbaufläche für Energiepflanzen genutzt werden. Regenwälder müssen großen Ölpalmenplantagen weichen. Im Fischer-Tropsch-Verfahren werden dann Biokraftstoffe (sogennante „Biomass-to-Liquid“-Kraftstoffe (BtL) hergestellt. Auch Bioethanol (aus Mais oder Weizen) gehört zu den Biokraftstoffen, das durch die Beimengung zu E10 einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden ist.

Futterpflanzen beanspruchen dagegen einen nicht geringen Anteil der Anbaufläche. Für 1 kg Rindfleisch sind 8 kg Getreide nötig, die so nicht mehr direkt als Nahrungsmittel zur Vefügung stehen. Mit der weltweiten Zunahme des Fleischkonsums, gerade in den aufstrebenden Entwicklungsländern, ist auch eine Zunahme der Futterpflanzenanbaufläche verbunden.

Somit liegt also die Hauptkonkurrenz im Moment eher zwischen Nahrungs- und Futtermittel, doch die „Energiewende“ soll auch einen deutlichen Ausbau der Energiepflanzen beinhalten. Wird also irgendwann unser Fleischhunger durch unseren Energiehunger ausgebremst? Und steigen die Nahrungmittelpreise insgesamt durch diese Konkurrenz?

Dass es soweit nicht kommen darf, hat Hartmut Michel, Direktor des MPI für Biophysik und Nobelpreisträger für Chemie 1988, in einem Editorial (Open Access) der Angewandten Chemie (Int. Ed.) mit dem programmatischen Titel „The Nonsense of Biofuels“ deutlich gemacht. Er argumentiert darin, dass die Effizienz der Photosynthese, zwar einer der genialsten Naturprozesse überhaupt, insgesamt lediglich 4,5 % der Sonnenenergie beträgt, was diverse Ursachen hat: die Absorption nur von sichtbarem, nicht-grünem Licht, Photoschaden an den Proteinen, die fehlerhafte Insertion von Sauerstoff u.a.

Zusätzlich muss bedacht werden, dass Energie aufgewendet werden muss für Düngemittel, Pestizide und die Umwandlung in Treibstoff. Somit ist Biosprit keineswegs CO2-neutral. Es wird sogar bezweifelt, ob am Ende die Energiebilanz tatsächlich positiv ist. Sein Fazit:

Taken together, the production of biofuels constitutes an extremly inefficient landuse. […] We should not grow plants for biofuel production.

Seine Alternative ist elektrische Mobilität, auch weil immerhin 80 % des Akkuinhalts in Bewegung umgesetzt werden, aber nur 20 % bei Nutzung von Benzin, was die Bilanz des Treibstoffs weiter verschlechtert. Doch das ist ein anderes Thema.

Dass die Deutschen aus Angst um ihren Motor, resultierend aus der verwirrenden Informationspolitik der Mineralölkonzerne abgelehnt haben, war zwar eine nicht-ökologisch begründete Ablehnung von Biosprit, aber in der Sache absolut richtig.

Zum Aufhänger zurück: Es bleibt die ganze Anbaufläche für Nahrungs- und Futtermittel. Wobei, muss man für Fleisch wirklich Tiere halten…

… weiter geht es in der nächsten Folge „Chemie und die Zukunft“ mit „Fleisch ohne Ende?“ über künstliches, in der Petrischale gezüchtetes Fleisch.

[Das Editorial wird auch auf The Curious Wavefunction diskutiert.]

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