Startseite > Aktuell, Schattenseite > Die dunkle Seite der Chemie – Drogen und das Internet

Die dunkle Seite der Chemie – Drogen und das Internet

Gleich zwei populär-wissenschaftliche Zeitschriften titeln dieser Tage mit diesem Thema, was den Lesern von „ChemieUnser“ nicht vorenthalten werden soll. So macht einerseits die „Technology Review“ mit „Synthetische Drogen – Rausch aus der Retorte“ auf, andererseits das „Discover Magazine“ mit „Chemists in the Shadows“. Im ersteren Artikel liegt der Fokus auf neu entwickelten Designer-Drogen, im zweiteren geht es mehr um die Hersteller hinter diesen Drogen und auch neuen Steroiden.

Immer noch machen die klassischen Drogen wie Cannabis, Kokain und die Gruppe der Amphetamine (wie „Crystal Meth“) den größten Teil der Drogenstatistik aus, doch mit dem einfachen Vertriebsweg Internet gibt es ein neues Schlachtfeld zwischen Produzenten und Strafverfolgungsbehörden –  sogenannte „Legal Highs“, was „eine Sammelbezeichnung für psychoaktive Substanzen [ist], die nicht im Rahmen der Drogengesetzgebung überwacht werden“[1], schlicht und ergreifend, weil sie noch nicht bekannt sind  und nicht unter z.B. das deutsche Betäubungsmittelgesetz fallen. Der Vertrieb erfolgt als „Badesalz“, „Dünger“ oder „Forschungschemikalien“ über eigene, „legale“ Online-Shops. Und die Vielfalt nimmt immer mehr zu, wird eine Substanz entdeckt und nachweisbar, erfolgt sofort die Umstellung des Angebots auf neue, unbekannte Wirkstoffe. Dies lässt sich an Statistiken ablesen: So wurden beim Europäischen Drogenüberwachungszentrum EMCDDA in den Jahren 2009 24, 2010 41 und 2011 schon 50 neue Substanzen ermittelt und unter Überwachung gestellt, wobei die Hauptmenge Cathinone (Varianten des Wirkstoffs aus dem Kathstrauch) und synthetische Cannabinoide sind.

Die psychischen und physischen Folgen des Konsums dieser Drogen sind vollkommen unbekannt. Zusätzlich machen durch mangelhafte Aufreiningung vorhandene Nebenprodukte den Konsum zum Lotteriespiel mit der eigenen Gesundheit, was ein großes Problem des Schwarzmarkts insgesamt ist. So ist „Crystal Meth“ häufig mit Iodwasserstoff verunreinigt, was bei den Junkies zum berüchtigten „Meth-Mund“ führt.

Im Kampf gegen die Drogen werden zunehmend auch neue, offensive Methoden angewendet, ganz vorn dabei: die Abwasseranalyse. Moderne Analysemethoden machen selbst geringste Substanzkonzentration im ppb-Bereich detektierbar und lassen somit auf den Drogenverbrauch ganzer Städte oder Stadtteile schließen.

Aber das Internet ist nicht nur Vertriebsweg, sondern auch eine Schatztruhe an Informationen. Die durch das Internet entstandene „Informationsgesellschaft“ macht auch solches Wissen jederzeit abrufbar und weltweit verfügbar und die Drogenszene verlagert sich dadurch von der leicht zu überwachenden Bahnhofsstraße direkt in die Wohnzimmer der bürgerlichen Gesellschaft, wenn man die „richtigen“ Seiten ansurft. Das beginnt bereits bei Wikipedia, das selbst bereits auf „Erowid“ verlinkt, eine ziemlich krude Mischung von Drogenerfahrungen und -rezepten. Allerdings kann die Verbreitung solcher Informationen nicht unterbunden werden und Forscher wie der 86-jährige Alexander Shulgin, bekannt als Erfinder von Ecstasy und immer noch aktiv auf der Suche nach dem Unterschied zwischen Droge und Hirnkiller, tun das übrige dazu und stellen ihre Forschungen frei ins Internet. Aber auch die legale Fachliteratur aus anerkannten Journals wird gelesen und als Quelle „missbraucht“, wie manche Forscher ungläubig feststellen mussten.

Während die intelligenten Köpfe des Drogengeschäfts, die „Designer“ im Westen zu finden sind, so stammt der größte Teil der verbreiteten Drogen aus China und Südostasien. Dort lässt sich leicht Laborpersonal anheuern, die professionell und im großen Stil die gewünschten Substanzen synthetisieren. Dabei sind diese Drogen so potent, dass wenige Milligramm zum Flash ausreichen, die ohne Probleme zu schmuggeln sind oder einfach mit der Post gesendet werden.

Bleibt die Frage, ob der Kampf gegen den Rausch überhaupt zu gewinnen ist. Diskutiert wird ein Verbot ganzer Substanzklassen, nicht mehr einzelner Stoffe, wobei die Befürchtung besteht, dass dies erst recht zu einer Eskalation führt durch noch ausgefallenere, noch unsichere Wirkstoffe. Die Menschen werden immer zu Rauschmitteln greifen, sei es auch nur, weil sie verboten sind. Eine Legalisierung und staatliche Kontrolle einiger weniger, weitgehend sicherer Substanzen könnte die bessere Strategie sein.

[1] B. Hughes, A. Gallegos, R.Sedefov, „Reaktion auf neue psychoaktive Substanzen„, EMCDDA, 2011.

Advertisements
Kategorien:Aktuell, Schattenseite Schlagwörter: , , ,
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: