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Die Honeywell-DuPont-Verschwörung

Kurz der Hintergrund: Die meisten Kälteanlagen wie Klimaanlagen und Kühlschränke arbeiten mit einem Kältemittel, das zuerst komprimiert wird, sich im Kondensator unter Wärmeabgabe verflüssigt, durch eine Drossel entspannt und im Verdampfer wieder gasförmig wird unter Wärmeaufnahme. Dies ist das Prinzip der Kompressionskältemaschine.

Chemisch wird die Sache durch die Wahl des Kältemittels. Früher waren in Kühlschränken etc. Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) „State of the Art“, die sich aber durch die photochemische Bildung von Chlorradikalen als schädlich für die Ozonschicht (vgl. Ozonloch und die Bedeutung der Ozonschicht hier im Blog) erwiesen haben.

Tetrafluorethan (R134a)

Für die Autoklimaanlagen fand sich als Ersatzstoff Tetrafluorethan (um genau zu sein: 1,1,1,2-Tetrafluorethan, bekannt auch als R134a), ein unbrennbares, farbloses Gas. Allerdings wirkt dieser Stoff als Treibhausgas, gemessen in GWP (Global Warming Potential) bezogen auf CO2, was zu einem Verbot durch die EU-Kommission führte [PDF].

HFO-1234yf

Und hier kommen jetzt die chemischen Großkonzerne Honeywell und DuPont ins Spiel. Einen immensen Umsatz von vielleicht 4 Mrd. € im Jahr witternd versuchen diese „Global Player“ äußerst aggressiv das unter dem Kürzel HFO-1234yf vermarktete 2,3,3,3-Tetrafluorpropen als Ersatz für R134a durchzusetzen. Die Autoindustrie hat ihren Widerstand aufgegeben. (vgl. hier und hier, PDF-Seite 134), die Kosten für die aufwändige Umrüstung bei Verwendung anderer Stoffe wie CO2 fürchtend. HFO-1234yf lässt sich problemlos in bisherigen Kälteanlagen einsetzen, jedoch hat der Stoff auch einen gravierenden Nachteil:  Er ist brennbar (sogar hochentzündlich, im Gegensatz zum Vorgänger R134a), was aber laut der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) angesichts der vorhandenen Mengen an Benzin oder Schmierölen wenig ins Gewicht fällt (PDF). Jedoch wird bei der Verbrennung Fluorwasserstoff (HF) frei, ein stark ätzendes, äußerst unangenehmes Gas, wie Versuche des LMU-Chemikers Andreas Kornath zeigen.  Ab und an gab es deshalb die üblichen boulevardesken Horror-Schlagzeilen à la „Killer-Kältemittel“ (Google-Suche), doch erst jetzt formiert sich Widerstand gegen die einseitige Abhängigkeit von Honeywell und DuPont, was in den Medien wiederum kaum wahrgenommen wird: Die EU-Kommission hat jetzt kartellrechtliche Schritte eingeleitet (Pressemeldung), da sie mit der einzigen Fabrik in China bei konkurrierender Vermarktung durch Honeywell und Dupont ein verbotenes Kartell vermutet, also wettwerbsfeindliches Verhalten bei Patentierung und Vermarktung.

Durch eine kleine Anfrage der Linken im Bundestag im März diesen Jahres sind weitere Details bekannt geworden. Weltweit gibt es demnach drei Fabriken: eine Versuchsanlage in den USA, eine vom Erdbeben im März 2011 beschädigte Anlage in Japan und eine Fabrik in Changshu, China, die eigentlich im Herbst 2011 den Betrieb aufnehmen sollte, deren Eröffnungstermin aber auf Grund von Umweltauflagen der chinesischen Behörden zum Zeitpunkt der Anfrage weiter ungewiss war. Die Bundesregierung rechnet in ihrer Antwort mit erheblichen Lieferschwierigkeiten bei HFO-1234yf bis ins dritte Quartal 2012. Zusätzlich wird über die Hauptabbauprodukte von HFO-1234yf geschrieben:

Die drei genannten Hauptabbauprodukte Trifluoressigsäure, Trifluoracetylfluorid und Formaldehyd weisen grundsätzlich biozide Eigenschaften auf. 

Die Alternative CO2 (R744) als Kältemittel zu verwenden – unbrennbar, als Abfallprodukt sowieso vorhanden und bedarf lediglich der Reinigung – hat jetzt hoffentlich wieder Chancen, das Umweltbundesamt sprach sich schon vor einem Jahr für diese Alternative aus (hier und hier). Allerdings lässt sich damit für die Konzerne kein Geld verdienen.

Ein gutes Beispiel für die Macht der Chemie-Konzerne!

Edit am 14.10.2012 (Grund: wissenschaftliche Fehler). Guter aktueller Übersichtsartikel: B. Osterath, Nachr. Chem. 2012, 60, 732–733.

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Kategorien:Aktuell, Organik
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